Wasserball

Hamburg bewegt

Wasserball findet in Deutschland weitestgehend unter der Wasseroberfläche statt. Nicht nur wortwörtlich, sondern, verglichen mit vielen anderen Sportarten, auch gesellschaftlich. Doch was macht diese Sportart wirklich aus? Und warum könnten die Olympischen Spiele in Hamburg für einen regelrechten Schub sorgen?

Text: Fynn Lenger

Das Spiel beginnt

Poseidon! Hamburg! Nach den letzten Worten des Kapitäns befindet sich das Männer-Team schon im Wasser in der Halle im Inselpark Wilhelmsburg. Der gemeinsame Schlachtruf ist das letzte Ritual, bevor es wirklich ernst wird. Im ersten Duell der Nordic League Gruppenphase spielt die Heimmannschaft des SV Poseidon Hamburg gegen die finnische Mannschaft aus Turku. Insgesamt 4 Herrenteams spielen an diesem Wochenende um den Einzug in die Hauptrunde. Die Nordic League ist eine internationale Liga mit Teams aus über 16 Ländern aus ganz Europa.

Wir positionieren uns als Mannschaft auf unserer Seite des Beckens. Gegenüber steht das gegnerische Team. In der Halle wird es still. Trotz der 25 Meter, die uns noch trennen, ist ein kurzer motivierter Augenkontakt mit dem gegenüberstehenden Gegenspieler der erste Zweikampf des Spiels. Ein langer Pfiff des Schiedsrichters hallt durch die Inselparkhalle. Mit dem Kopf unter Wasser sprinten die Anschwimmer zur Spielfeldmitte. Das Wasser sprudelt, während sie Richtung Beckenmitte sprinten. Derjenige, der das etwa 400 Gramm runde Sportgerät aus Spezialgummi zuerst erreicht, erobert den ersten Ballbesitz fürs Team. Erst kurz vor Erreichen der Beckenmitte geht der Blick nach oben. Ein letzter Schwimmzug! Unser Spieler erreicht das umkämpfte Objekt und wirft in unsere Hälfte. Nun sind auch die Fans im Spiel angekommen und schreien unsere Mannschaft in Richtung ersten Angriff.

Fokus auch außerhalb des Beckens: Trainer Felix Haarstick mit einer motivierenden Halbzeitansprache.

Jedes Wasserballspiel beginnt mit diesem Anschwimmen. Für die Zuschauer*innen ist dieses Duell klar sichtbar, verständlich und leicht zu verfolgen. Doch was passiert davor? Und was geschieht eigentlich unter Wasser – dort, wo ein großer Teil dieses Sports für Außenstehende unsichtbar bleibt? Wasserball gehört in Deutschland zu den absoluten Nischensportarten. Für viele wirkt er wie eine Mischung aus Schwimmen, Handball und kontrolliertem Chaos. Manche halten ihn für ausschließlich brutal, andere für unverständlich. Aber genau darin liegt das Problem: Viele kennen das Klischee, aber kaum die Sportart selbst.

28 Sekunden hat jedes Team für einen Angriff. Bei Spielunterbrechungen wird die Zeit angehalten. Ist die Angriffszeit vorbei, erhält die gegnerische Mannschaft den Ballbesitz. Es gilt also, schnell in die gegnerische Hälfte zu schwimmen und dort die Positionen einzunehmen. Die Gegenspieler versuchen dies mit aller Kraft zu verhindern. Nach dem der Halbkreis steht, beginnen gezielte taktische Bewegungen, um die verteidigende Mannschaft aus dem Konzept zu bringen. Diesmal versuchen wir es über die rechte Seite mit einem gezielten Block. Durch perfekt getimtes Einschwimmen und Blockieren des Gegners schafft es unser rechter Flügelspieler mit dem Ball vor seinen Gegner zu kommen. Durch seine starke und explosive Beinarbeit drückt er sich ein letztes Mal aus dem Wasser und wirft den Ball am Torhüter vorbei ins Netz.

„Wasserball hat alles, was ein mitreißender Sport braucht: Tempo, Taktik, Körperlichkeit und permanente Bewegung“, beschreibt Poseidon-Trainer Felix Haarstick die wichtigsten Eigenschaften, „es ist ein Spiel, das nie stillsteht, in dem jede Aktion Konzentration, Kraft und Spielverständnis verlangt. Genau das macht Wasserball für die, die ihn spielen, so besonders.“ Und doch bleibt der Sport in Deutschland weitgehend unter dem Radar. Während andere Teamsportarten große Hallen füllen, Sendezeit bekommen und feste Bilder in den Köpfen der Menschen verankern, spielt sich Wasserball oft abseits der breiten Öffentlichkeit ab. Das ist erstaunlich – Wasserball blickt auf eine lange Geschichte zurück, ist olympisch und bietet mitreißende Spiele und intensive Duelle.

Die Geschichte des Wasserballs

Wasserball ist keineswegs eine neue Erfindung. Der Sport entstand bereits im späten 19. Jahrhundert in Großbritannien und trug anfangs noch deutlich wildere Züge als heute. Schon 1900 wurde Wasserball olympisch und gehört damit zu den ältesten Mannschaftssportarten der Spiele. Auch Deutschland blickt auf eine beachtliche Wasserballgeschichte zurück: 1928 holte das deutsche Team in Amsterdam olympisches Gold. Gerade deshalb wirkt der Blick auf die Gegenwart fast widersprüchlich.

Doch Wasserball lebt nicht von seiner Geschichte allein. Entscheidend ist das, was Menschen bis heute an diesem Sport fasziniert. Wer selbst im Becken schwimmt, erlebt kein Chaos, sondern ein hochdynamisches Spiel, in dem Ausdauer, Taktik und Kraft ineinandergreifen. Es geht um schnelle Entscheidungen, präzise Abläufe und darum, sich auf die eigene Mannschaft verlassen zu können. Diese Mischung aus gesunder körperlicher Härte und mannschaftlicher Geschlossenheit macht Wasserball zu mehr als nur einem Sport und erklärt, warum viele ihm über Jahre treu bleiben, auch ohne die große Bühne oder das große Geld.

Hartnäckige Klischees

Statt über Taktik, Technik oder Teamgeist zu sprechen, halten sich vor allem die alten Klischees: zu brutal, zu kompliziert, zu speziell. Manchmal reicht die Unkenntnis sogar so weit, dass Wasserball mit Kanupolo verwechselt wird. Dies könnte auch mit dem englischen Begriff Waterpolo zusammenhängen. Solche Reaktionen wirken auf den ersten Blick belustigend, zeigen aber vor allem ein grundsätzliches Problem: Viele Menschen haben kaum Berührungspunkte mit der Sportart. Wer Wasserball nicht zufällig im Verein, in der Schule oder bei einem großen Turnier erlebt, kommt oft nie wirklich damit in Kontakt.

Hinzu kommt die Wettkampfbekleidung, die auf Außenstehende im ersten Moment ungewöhnlich wirken kann. Die enganliegenden und reißfesten Badehosen beziehungsweise Badeanzüge sind im Wasserball besonders wichtig, um im Zweikampf möglichst wenig „Grifffläche“ zu bieten. Auch die Kappen erfüllen eine zentrale Funktion: Sie sind gewissermaßen das Pendant zum Trikot im Fußball. Farben und Nummern ermöglichen es Mitspieler*innen, Schiedsrichter*innen und Zuschauer*innen, die Spieler*innen eindeutig zuzuordnen. Die integrierten Ohrschützer dienen zudem dem Schutz bei Zweikämpfen und harten Würfen.

„Wasserball hat alles, was ein mitreißender Sport braucht: Tempo, Taktik, Körperlichkeit und permanente Bewegung.“

Poseidon-Trainer Felix Haarstick

In Deutschland bewegt sich Wasserball heute in einem Spannungsfeld aus Tradition, Leistungsanspruch und begrenzter öffentlicher Wahrnehmung. Zwar ist die Sportart weiterhin klar organisiert, mit einer 1. und 2. Bundesliga sowie einem geregelten Spielbetrieb im Nachwuchs, doch im Vergleich zu den großen Teamsportarten bleibt ihre Reichweite deutlich kleiner. Gleichzeitig zeigt sich, dass der deutsche Wasserball sportlich weiter Substanz hat: Mit Waspo 98 Hannover spielt der amtierende deutsche Meister in dieser Saison sogar unter den besten acht Teams Europas in der Champions League. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass zwischen vorhandener sportlicher Qualität und öffentlicher Aufmerksamkeit eine spürbare Lücke klafft. Wasserball findet oft nicht die Bühne, die ein so intensiver Sport eigentlich verdienen würde.

Situation in Hamburg

In Hamburg ist Wasserball keineswegs verschwunden, sondern wird in mehreren Vereinen aktiv gelebt. Beim ETV reicht das Angebot von der U10 bis zur Frauen-Bundesliga, wobei sich dabei primär auf den weiblichen Bereich konzentriert wird. Der SV Poseidon Hamburg und der HTB62 hält parallel eine breite Struktur mit überregionalen Kinder- und Jugendteams, Erwachsenenmannschaften und Masters-Angeboten im männlichen Bereich aufrecht. Dazu kommen weitere Akteure wie zum Beispiel das Sportteam Hamburg, welches erfolgreich Jugendteams aufbaut und im Hamburger Spielbetrieb vertreten ist. Trainiert wird im Wasserball-Leistungszentrum in Wilhelmsburg. Haarstick: „Die Bedingungen sind nahezu perfekt, nur der Standort ist aufgrund der weiten Anreise für viele Athleten nicht optimal.“ Die Bundesligamannschaften trainieren bis zu 5 Mal in der Woche mit zusätzlichem Krafttraining.

Besonders sichtbar wurde die Hamburger Wasserballszene zuletzt, als im Dezember 2025 Spiele der Nordic League in Hamburg stattfanden und dabei sowohl der ETV als auch Poseidon Hamburg international auftraten. Insgesamt 8 Teams aus 6 verschiedenen Ländern spielten im Inselpark vor rund 200 Zuschauern um den Einzug in die Nordic League Gruppenphase. All das zeigt: Wasserball hat in Hamburg weiterhin ein sportliches Fundament. Was häufig fehlt ist nicht das Engagement in den Vereinen, sondern die öffentliche Aufmerksamkeit über die eigene Szene hinaus.

Zurück beim Spiel in Wilhelmsburg: Die letzten Sekunden des Spiels laufen. Poseidon Hamburg führt mittlerweile mit 15:11. Auch der letzte Gegenangriff kann geblockt und damit verteidigt werden. Beim Abpfiff ist die Erleichterung bei allen groß. Sie haben wochenlang auf den Auftakt hin gefiebert, jetzt wurde der erste Schritt zu Qualifikation gemacht. Beide Teams verlassen das Wasser zum gemeinsamen Handshake. Die Spieler, die vor einigen Minuten noch mit aller Kraft gegeneinander spielten, zollen sich nun ihren gegenseitigen Respekt. Ohne Verletzungen, ausartenden Auseinandersetzungen oder gar brutalen Kämpfen. All dies sind eben nur die genannten Klischees, welche durch Unwissenheit weitergetragen werden.

Die Olympischen Spiele als Chance

Mit Blick auf Olympia könnte gerade in Hamburg eine besondere Chance für den Wasserball liegen. Mehr Aufmerksamkeit für eine oft übersehene Sportart, neue Bilder in der Öffentlichkeit, mehr Interesse bei Kindern und Jugendlichen und im besten Fall auch bessere Rahmenbedingungen für Vereine und Trainingsstätten. Selbst wenn Olympia für Hamburg heute noch Zukunftsmusik bleibt, zeigt schon die Debatte, welches Potenzial in der Stadt steckt. Denn wenn Sportgroßereignisse Menschen neugierig auf Sportarten jenseits des Mainstreams machen, kann davon auch der Wasserball profitieren. Besonders in Hamburg, wo Vereine, Nachwuchsarbeit und sportliche Tradition bereits vorhanden sind.

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Eine Chance für alle