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Bei einem Fototermin in der Hamburger Leichtathletikhalle trafen zwei Generationen aufeinander. Inge Bödding (78), Olympionikin und Medaillengewinnerin von München 1972 und Ida Schröder (17), Lauftalent vom Hamburger SV. Zwei (fast) unterschiedliche Geschichten, die für eine Sache kämpfen: die Olympischen und Paralympischen Spiele in Hamburg.

Text: Andrea Marunde

„Ich werde es nicht mehr miterleben, aber ich kämpfe dafür, dass die Olympischen Spiele nach Hamburg kommen, denn dieses großartige Ereignis im eigenen Land ist unvergesslich.“ Inge Bödding weiß, wovon sie redet. In Hamburg geboren, in Hamburg geblieben, Olympionikin in München 1972, Bronzemedaille in der 4 x 400 Meter-Staffel. Das ist die Kurzfassung. Dahinter steckt ein Leben mit und für den Sport – mit Leidenschaft und Kampf.

„Ich bin in Lokstedt geboren“, es war der März 1947, damals hieß sie noch Inge Eckhoff. Der Opa hatte ein Lebensmittelgeschäft in Niendorf, „wir sind dann immer einmal die Woche zu Fuß dorthin“. Bewegung und Sport hat sie schon immer gemocht. Eine Freundin brachte sie beim Niendorfer TSV zum Turnen, dort landete die damals 14-Jährige schnell in der Leistungsgruppe. In einem Vereins-Ferienlager an der Ostsee lief sie Organisator Alwin Steinhoff über den Weg. Damals Hamburgs bester Sprinter. „Das wusste ich aber nicht“, lacht Inge Bödding beim Erzählen.

Inge Bödding 1971, kurz vor den Olympischen Spielen in München

Schwarz-Weiß-Foto von Inge Bödding 1971 beim Anziehen ihres Laufschuhs neben der Tartanbahn im Training

„Der Lärm in der Kurve, wo sie saßen, hat mir Flügel verliehen, da kann man ja nur schneller laufen.“

Inge Bödding

Sein Kommentar: „Dich können wir gebrauchen!“ So landete sie in der Leichtathletikabteilung beim NTSV.

Die Trainingsbedingungen kann man sich heute kaum vorstellen:

Das Training fand überwiegend in abgesteckten Arealen im Niendorfer Gehege, auf dem Sportplatz Bondenwald oder in der Schulturnhalle statt. Für das Sprinttraining im Winter, bei Eis und Schnee, ging es auf den Radweg im Flughafentunnel.

Mit 20 Jahren spezialisierte Inge Bödding sich auf die 400 Meter. Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Bei den Deutschen Meisterschaften wurde sie Zweite und bekam eine Einladung in die Nationalmannschaft. „Ich musste allerdings immer um meinen Platz kämpfen, denn die Bundestrainerin hielt mich immer mit meinen 1,54 Meter für zu klein.

„Ich hatte eine große Klappe und habe ihn zum Wettlauf auf der Wiese gefordert. Natürlich hat er gewonnen, aber anscheinend war ich gar nicht so schlecht.“

Der Vitrinenschrank von Inge Bödding ist gefüllt mit Erfolgen, einen Ehrenplatz hat die Olympia-Bronzemedaille von München

53 Jahre Hamburger Rekord

Der Erfolg gab ihr recht: 1969 lief die deutsche 4 x 400 Meter-Staffel mit Bödding im Vorlauf bei der Europameisterschaft in Athen Weltrekord und holte im darauffolgenden Endlauf Bronze. Den Hamburger Rekord über die 400 Meter hat sie bis 2024 gehalten. Gelaufen 1971! in Helsinki. Ihre Vitrine in der Lokstedter Wohnung ist voll mit Medaillen und Ehrungen. Einen ganz besonderen Platz, auch im Herzen, hat aber die olympische Medaille aus München.

„The Games must go on“

Bei den Spielen vier Jahre zuvor in Mexiko wurde sie nicht nominiert – immer noch zu klein. Nach München durfte sie – zunächst als Ersatzläuferin – endlich mitfahren. Dafür gab es zuvor noch eine Leistungsüberprüfung in Zürich über 200 Meter Sprint. „Ich lief, trotz vorheriger muskulärer Probleme, in 23,9 Sekunden persönliche Bestzeit und bestätigte damit meine Nominierung für die Staffel.“

Und dann kam das größte Ereignis in ihrer sportlichen Laufbahn. „Leider durften wir bei der Eröffnungsfeier nicht dabei sein, weil das Stehen über mehrere Stunden nicht gut gewesen wäre für den Wettkampf, aber die Atmosphäre drum herum war großartig. Schon zum Frühstück traf man sich mit Sportlerinnen und Sportlern aus anderen Nationen und setzte sich dorthin wo Platz war.“ Ein wildes Durcheinander von Sprachen und tollen Stimmungen. Die durch das furchtbare Attentat auf die israelische Mannschaft jäh unterbrochen wurde. „Wir selber hatten in der Nacht nichts mitbekommen und erst später von dem Ausmaß erfahren.“

Nach einer 34-stündigen Wettkampfpause beschloss das Olympische Komitee (IOC): „The games must go on!“ „So schrecklich das alles war“, denkt Inge Bödding zurück, „es war gut, dass die Spiele weitergingen, sonst hätten wir uns ja den Attentätern gebeugt.“

Trotz des großen Schattens über der Veranstaltung begann vier Tage nach der Entscheidung der Wettkampf für die deutsche Staffel. Eine gesetzte Läuferin kämpfte mit einer Muskelzerrung, Bödding bekam den Platz in der Staffel. „Den Vorlauf haben wir gut überstanden, im Endlauf war uns klar, dass wir gegen die Mädels aus der DDR keine Chance haben. Aber die Zuschauer haben uns zur Bronzemedaille getragen.“ Besonders Inge Bödding durfte sich über 50 lautstarke Niendorfer:innen freuen. „Die hatten sich bereits zwei Jahre vorher Plätze für ihre Zelte und Wohnwagen vor der Stadt reserviert. Der Lärm in der Kurve, wo sie saßen, hat mir Flügel verliehen, da kann man ja nur schneller laufen.“

Inge Bödding im Deutschlandtrikot hält lächelnd einen Staffelstab in der Hamburger Leichtathletikhalle

Bödding kämpft für Hamburg

Dieses Erlebnis, das sie nie vergessen wird, hat sie auch bewogen, sich für jede Bewerbung Hamburgs für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Hamburg zu engagieren. In der Vergangenheit und jetzt. Mit ihren 78 Jahren war sie beim Bezirks-Dialog in Eimsbüttel oder am Infostand auf dem Niendorfer Tibarg. Sie erzählt von ihren großartigen Erfahrungen in München und plädiert für einen zeitnahen Ausbau der Infrastruktur in Hamburg. „München ist unser Hauptkonkurrent bei der Bewerbung. Wir müssen besser sein und wir haben noch viel aufzuholen.“ Aber wer wäre Inge Bödding, wenn sie nicht kämpfen würde.

Inge Bödding in der Hamburger Leichtathletikhalle mit Schwarz-Weiß-Foto von sich bei Olympia 1972 in München

„Wir müssen besser sein und wir haben noch viel aufzuholen.“

Inge Bödding zur Olympiabewerbung in Hamburg

Das Aufeinandertreffen mit Nachwuchstalent Ida Carlotta Schröder beim Fototermin in der Leichtathletikhalle war herzlich. Inge Bödding könnte vom Alter her Idas Oma sein. Die Leidenschaft ist und war aber dieselbe. Damals wie heute. Alles geben und schnell sein.

Bei Ida hat es bereits mit 6 Jahren angefangen. „Ich fand Bewegung schon immer toll, bin ganz oft im Wald gelaufen. Mit meiner Schwester habe ich die Kinderolympiade mitgemacht und bin dann relativ schnell bei der Leichtathletik gelandet.“ Tennis und Hockey, was man halt so nebenbei macht, sind dann Stück für Stück weggefallen und es wurde ernst.

Bei der LG Wedel-Pinneberg hatten es ihr hauptsächlich die Laufdisziplinen angetan. Sprint, 800 Meter, 300 Meter, 400 Meter, Staffel.

Mit 14 gewinnt sie die Norddeutsche Meisterschaft über 300 Meter Hürden und Silber über 300 Meter. Um noch mehr aus sich herauszuholen, klopft sie selbst beim Hamburger SV an und wird angenommen. Und da geht’s seit Januar 2024 so richtig ab.

Inge Bödding und Ida Schröder auf der Tartanbahn mit gemeinsam gehaltenem Staffelstab im Deutschland-Trikot
Ida Schröder im Deutschland-Trikot mit Staffelstab in der Hamburger Leichtathletikhalle, bereit zum Loslaufen

Achtmal Training in der Woche

– viermal Frühtraining, vier Mal nachmittags. An der Schule Am Alten Teichweg ist das möglich, weil sich in der Sportklasse der Unterricht nach den Trainingszeiten richtet.

Idas Tag sieht folgendermaßen aus:

5. 30 Uhr aufstehen, der Schulweg beträgt eine Stunde, Training von 8 bis 9.30 Uhr, Unterricht: 10 bis 16 Uhr, dann Training von 17 bis 19 Uhr. Und wenn dann noch Zeit ist oder das Training mal ausfällt, dann hat das Haus Schröder noch einen Kraftraum mit Laufband. Natürlich.

Eine Mühe, die der heute 17-Jährigen Spaß macht und damit die volle Unterstützung der Familie erhält. Auch die 3,5 Jahre ältere Schwester Line trainiert beim HSV Hürdensprint, Bruder Tom (22) liebt die Mittelstrecke. „Ich liebe es, wenn das Training weh tut“, sagt Ida, „denn ich weiß, wofür ich das mache.“

Team Hamburg

Wofür? Für einen Titel Deutsche Meisterin über 400 Meter bei der U18, für Silber bei der 4×400 m-Mixed-Staffel und 4×400 m-Staffel bei der U20-DM, für Silber bei der U20-EM mit der 4×400 m-Staffel, für internationale Einsätze und der Teilnahme beim European Youth Olympic Festival (EYOF).

Weitere Ziele gibt es viele. Die kurzfristigen sind die Deutschen Meisterschaften im Februar in der Halle, da geht es nach Sindelfingen und Dortmund. „Der Sommer ist noch nicht durchgetaktet, das werde ich nochmal mit meinem Trainer André Nehring besprechen.“

Langfristig scheinen da aber noch einige Projekte zu lauern.

Ida Schröder ist seit April 2025 offiziell Mitglied im Team Hamburg der Stiftung Leistungssport Hamburg im Rahmen des neuen Förderzeitraum für den Olympia-Zyklus bis Los Angeles 2028. Mit 17 hat man schließlich noch Träume. „Natürlich denke ich nach oben, aber ich mag das nicht alles zu hoch reden. Ich denke von Saison zu Saison.“

Wozu sie aber eine ganz feste Meinung hat: „Die Olympischen und Paralympischen Spiele sollen nach Hamburg kommen. Das muss mega sein, vor dem eigenen Publikum zuhause zu starten. Das ist bestimmt ein einmaliges Erlebnis.“

Gut, realistisch gesehen, hätte sie 2036 mit 28 Jahren das beste Laufalter. 2040 oder 2044 könnten allerdings knapp werden. Bei der Vorstellung lacht Ida:

„Egal, wenn nicht als Athletin, als Fan bin ich auf jeden Fall dabei.“

Ida Schröder im Deutschland-Trikot bei der Staffelübergabe bei der U18-EM in Banska Bystrica
Ida Schröder bei der U18-EM in Banska Brystica (Slowakei)
Hockeyspielerin Jette Fleschütz im Deutschlandtrikot bei Olympia 2024 in Paris im Lauf mit Hockeyschläger
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