Zwischen

Medaillen

und

Teilhabe

Der Para Sport in Hamburg

Rollstuhlbasketball-Spiel beim Opening des HSV-Zentrums am Volkspark mit Tip-Off BG Baskets Hamburg gegen Allianz Rollers Ulm.

Spiele für alle

Ausverkaufte Stadien, Millionen vor den Bildschirmen und eine wachsende gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Die Paralympischen Spiele haben spätestens seit London 2012 enorm an Bedeutung gewonnen – Paris 2024 setzte dabei neue Maßstäbe. Doch was bedeutet dieser Aufschwung für den Para Sport in Deutschland und ganz konkret für Hamburg?

Im Interview: Sven Gronau | Text: Denise Klink

Im Interview spricht der Leistungssportkoordinator des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands Hamburg (BRSH), Sven Gronau, über die Strahlkraft der Paralympics, ihre Rolle als Motor für Leistungssport und Inklusion sowie über erfolgreiche Hamburger Teams und gezielte Förderstrukturen für Athletinnen und Athleten. Er erklärt, warum nachhaltige Entwicklung mehr braucht als große Sportevents, welche Chancen der Para Sport insbesondere für Kinder und Jugendliche bietet – und warum echte Inklusion nicht bei barrierefreien Sportstätten endet, sondern in den Köpfen beginnen muss.

Hat aus Ihrer Sicht die Relevanz der Paralympischen Spiele und das Interesse an den Paralympics in den vergangenen Jahren zugenommen?

Steigendes Interesse lässt sich spätestens seit London 2012 feststellen. Paris hat nochmal ganz neue Maßstäbe gesetzt. Mit den Livestream-Angeboten und den Übertragungen im linearen Programm von ARD und ZDF wurden die Paralympics 2024 medial sehr gut in die Öffentlichkeit gebracht.

Am meisten aber hat mich in Paris das überwältigende Zuschauerinteresse vor Ort überrascht. Fast alle Wettkämpfe waren ausverkauft. 80.000 Zuschauende im Stade de France bei der Leichtathletik oder 17.000 beim Schwimmen sind enorme Zahlen.

In Hamburg sind wir auf einem guten Weg. Seit zweieinhalb Jahren haben wir erstmals eine gute Förderung des paralympischen Leistungssports durch die Stadt, die es uns ermöglicht, Strukturen aufzubauen und zu verbessern und auch Hamburger Athletinnen und Athleten auf ihrem Weg zu den Paralympischen Spielen gezielt zu unterstützen.

Welchen Einfluss haben Paralympische Spiele auf den Para Sport?

Das ist wie bei den Olympischen Spielen, die Paralympischen Spiele sind das Aushängeschild des Para Sports und das Ziel aller ambitionierten Sportlerinnen und Sportler. Manche Athlet:innen wechseln extra ihre Sportart, um bei den Paralympics antreten zu können. Z.B. vom Jiu Jitsu ins paralympische Judo.

Wie hat sich der Para Sport in Hamburg in den vergangenen Jahren entwickelt?

Wir haben mit den BG Baskets im HSV im Rollstuhlbasketball und dem FC St. Pauli im Blindenfußball seit vielen Jahren erfolgreiche Teams in den beiden Teamsportarten, die bei den Paralympics in Paris die absoluten Publikumsmagneten waren. Zurecht, ich kann nur allen empfehlen, dort mal ein Heimspiel anzuschauen.

Zusätzlich entwickeln wir ausgewählte Individualsportarten weiter. Seit dem letzten Sommer bieten wir Landestraining im Para Tischtennis an. Außerdem fördern wir den Wassersport besonders, weil dieser sehr gut zu Hamburg passt und unsere Stadt mit Allermöhe und der Alster gute Trainingsmöglichkeiten bietet. Im Para Kanu und Para Rudern zusammen haben wir inzwischen fünf Bundeskader-Athlet:innen.

Denken Sie, dass die Paralympischen Spiele in den vergangenen Ausrichterländern für eine langfristige positive Entwicklung im Para Sport gesorgt haben?

Die Ausrichtung der Spiele allein ist noch kein Garant für positive Entwicklung. In den meisten bisherigen Ausrichterländern haben staatlich geförderte Programme für mehrjährige oder auch anhaltende Erfolge im paralympischen Leistungssport gesorgt. Wenn wir über langfristige positive Entwicklung sprechen, ist aber die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft sehr wichtig und wir brauchen viel mehr Sportangebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die in Sportvereinen aber auch schon in der Schule geschaffen werden müssen.

Was macht Ihrer Meinung nach den Para Sport aus?

Bewegung, Fitness, Wettkampf, Spannung – es gibt ja ganz viele Facetten, die den Sport generell ausmachen. Beim Sport für Menschen mit Behinderung kommen noch zwei wichtige Faktoren hinzu, gerade für Kinder und Jugendliche. Zum einen die Steigerung des Selbstbewusstseins. Viele junge Sportlerinnen und Sportler erleben zum ersten Mal, was sie eigentlich können und zu welchen Leistungen sie fähig sind. Und in ihrem Umfeld werden sie dann nicht mehr nur als Mensch mit Behinderung, sondern als Athlet:in wahrgenommen.
Zum anderen die Gemeinschaft. In der Familie erfahren junge Menschen mit Behinderung häufig eine Sonderbehandlung, in der Schule werden sie von einigen Aktivitäten ausgeschlossen. Im Para Sport sind sie plötzlich nichts Besonderes mehr, sondern eine Person von vielen mit ähnlichen Erfahrungen. Hier gibt es neue Vorbilder, vielleicht mit ähnlichen Behinderungen.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf die Inklusion – mit Blick auf die Bewerbung um die Sommerspiele aber auch für den „ganz normalen“ Alltag?

Ich wünsche mir eine barrierefreie Stadt. Kreuzungen, Wege, Fahrstühle, Geschäfte. Und natürlich auch alle Sportstätten mit barrierefreien Tribünen, Umkleiden, Toiletten, Duschen, Parkplätzen. Nicht nur die olympischen und paralympischen Wettkampfstätten.

Mitgedacht werden muss auch die Zu- und Abwegung und generell die Beförderung von Menschen mit Behinderung. Vor allem aber betrifft Teilhabe nicht nur die Hardware, sondern muss in den Köpfen beginnen. Inklusion darf nicht nur als Label irgendwo draufstehen, sie muss real in der Gesellschaft ankommen. 

Rollstuhlbasketballerin Maya Lindholm im Deutschland-Trikot mit Collage Hamburger Para-Athletinnen und -Athleten in verschiedenen Sportarten
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